Gottfried Heinersdorff (1883-1941)

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Gottfried Heinersdorff ist die bedeutendste Persönlichkeit für die Entwicklung der modernen Glasmalerei in Deutschland im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. Er gilt als ihr Reformer. 
Als sein Vater 1900 starb, übernahm er 17jährig die väterliche Glasmalereiwerkstatt in Berlin-Schöneberg, die zu dem Zeitpunkt bereits einen guten Namen hatte und landesweit bekannt war. 1907 wurde er Gründungsmitglied des Deutschen Werkbundes und pflegte gute Verbindungen zu damals führenden Künstlern der Moderne, wie Henry van de Velde, Lyonel Feininger, Paul Scheerbart, Bruno Taut, Johan Thorn Prikker und dem Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus. Viele expressionistische Künstler wurden von ihm gefördert, indem er sie mit Entwürfen beauftragte, nicht nur für Fenster, sondern auch für Mosaik-Fussböden, Wände und Leuchten. Max Peckstein, Adolf Hölzel, Josef Albers und Cesar Klein arbeiteten mit ihm und setzten zusammen viele grosse und kleine Projekte um.
Indem Heinersdorff die damals führenden Künstler für die Glasmalerei begeistern konnte, holte er diese auf die gleiche Ebene, wie die Ölmalerei und brachte ihr die Anerkennung einer eigenständigen Kunstgattung.

1914 fusionierte Heinersdorff mit der 1889 gegründeten, von Kaiser Wilhelm II. geförderten und in Berlin-Rixdorf ansässigen Deutschen Glas- und Mosaikgesellschaft Puhl & Wagner zu den Vereinigten Werkstätten für Mosaik und Glasmalerei Puhl & Wagner - Gottfried Heinersdorff. Puhl & Wagner war ein Protégé des Kaisers, vor allem aufgrund der Mosaiken aus Gold- und Silbersmalten, auf die die Firma 1905 ein Reichspatent erhalten hatte. Besonders bekannt wurden sie durch die Fenster und Goldmosaiken in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Durch diese Verbindung entstand damals die innovativste und fortschrittlichste Werkstatt in Deutschland. 
Das erste gemeinsame Projekt war die Innenausstattung des Glashauses von Bruno Taut auf der Werkbundausstellung in Köln 1914. Im selben Jahr veröffentlichte Heinersdorff im Verlag von Bruno Cassirer den grundlegenden Überblick Die Glasmalerei, ihre Technik und ihre Geschichte
Bereits 1910 hatte er den Berliner Künstlerbund für Glasmalerei und Mosaik gegründet, eine Vereinigung von Architekten und Künstlern, welche der Öffentlichkeit durch Ausstellungen die modernen Bestrebungen der Glasmalerei präsentieren sollte. Dazu gehörten z. B. Peter Behrens, Albert Gessner, César Klein, Max Pechstein und Jan Thorn Prikker.

1916 erhielt die Firma von Hermann Bahlsen den Auftrag, den Sitzungssaal seines Fabrikgebäudes in Hannover nach Entwürfen von Adolf Hölzel zu verglasen. 
1926 kam es zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Heinersdorff und Josef Albers. Beim Neubau des Grassi-Museums in Leipzig wirkten gleich zwei von Heinersdorff geschätzte Künstler mit, Josef Albers und César Klein. Mit Clemens Holzmeister arbeitete Heinersdorff zwischen 1928 und 1930 zusammen, indem er für dessen Projekte einige bedeutende Verglasungen nach Entwürfen von Heinrich Campendonk ausführte. 

Unterschiedliche künstlerische Auffassungen der beiden Partner August Wagner und Gottfried Heinersdorff - erster konservativ-kaisertreu, letzter ein innovativer Reformgeist - führten ab 1926 vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus in den geschäftlichen und menschlichen Ruin: Um seinen Kompagnon loszuwerden, verriet ihn Wagner 1933 unter Verweis auf seine jüdische Abstammung. Heinersdorff erhielt Berufsverbot und wurde 1935 zum Halbjuden erklärt. Zusammen mit seinem Sohn eröffnete er ein Fotostudio in Berlin und durfte 1937 an einer Ausstellung in Paris teilnehmen. Er kehrte nie wieder nach Deutschland zurück, floh 1940 vor den Nazis in die Dordogne, wo er 1941 als gebrochener Mann starb. Sein Grab in Mouleydier ist nicht bekannt.

Links
Gottfried Heinersdorff in WIKIPEDIA

Reiches Quellenmaterial befindet sich im Werkstattarchiv in der Berlinischen Galerie, Berlin