Zurück zur Liste

Passionsfenster – Arma Christi

Heinrich Campendonk
Harlem 1937 / Kevelaer 2001

Geschaffen für die Weltausstellung Paris 1937
Postume vierte Ausführung 2001
(Hein Derix Werkstätten für Glasmalerei, Mosaik und Restaurierungen, Kevelaer) 

55 × 150 cm
​Polychromes, mundgeblasenes Antikglas; mit Schwarzlot bemalt und auf Struktur gewischt; rotes Überfangglas, Bleiruten

Dokumentation

Pablo Picasso stellte 1937 im Spanischen Pavillon der Pariser Weltausstellung sein Gemälde »Guernica« aus, das zum pazifistischen Symbol des 20. Jahrhunderts wurde. Auf derselben Weltausstellung zeigte Heinrich Campendonk im Niederländischen Pavillon dieses Passionsfenster und erhielt dafür eine Goldmedaille.

Seit 1926 war Campendonk Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie gewesen. 1934 stempelten ihn die Nationalsozialisten als »entarteten Künstler« ab und versetzten ihn in den Ruhestand. Er emigrierte zunächst nach Belgien und nahm 1935 eine Professur an der Rijks-Academie in Amsterdam an. Während der deutschen Besatzung der Niederlande musste Campendonk zeitweise untertauchen. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte er nicht nach Deutschland zurück.

Das Triptychon thematisiert in einer Fülle von Symbolen die Leidensgeschichte Christi: Der rechte Teil zeigt Verrat und Gefangennahme: ein Säckchen und Münzen zeigen den Judaslohn; ein Messer und eine Ohrmuschel stehen für die Festnahme, bei der Petrus einem Knecht das Ohr abschnitt; ein Hahn symbolisiert die dreimalige Verleugnung, die Petrus bis Tagesanbruch beging. Das linke Bildfeld zeigt den Fortgang der Passion: Kanne und Hand verweisen auf Pilatus, der seine Hände in Unschuld wusch; ein Strick steht für die Geißelung; drei Würfel und ein Tuch erinnern an die Soldaten, die um den Mantel spielten. Das Mittelbild bildet den Höhepunkt der Komposition. Es zeigt en face den Kopf des dornengekrönten Christus; darunter sind Nägel, Hammer, Lanze und Zange als die Werkzeuge der Kreuzigung dargestellt.

Nicht zum Kanon der Passionssymbole gehört die im Mittelteil links erscheinende Lampe. Ihre leuchtend rote Flamme ragt aus der Blautonigkeit des Gesamtbildes heraus. Sie kann als Ewiges Licht gedeutet werden – und damit allgemein als Zeichen der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Campendonk bereitete das Passionsfenster mit einem Entwurf im Maßstab 1:10 und einem Karton im Maßstab 1:1 vor, auf dem er Farb- und Strukturbezeichnungen der Gläser, die Gestaltung der Bleiruten, die verschiedenen Bleistärken sowie Feinzeichnungen und Schattierungen für die Schwarz-Braun-Lotmalerei angab. Die Bleiruten folgen weitgehend den Formen der Gegenstände.

Vom Passionsfenster existieren vier Versionen: die in Paris ausgestellte Erstfassung ist in einem zarten Farbklang in Blau und Ocker gearbeitet; sie befindet sich als Leihgabe des Instituut Collectie Nederland im Museum in Ravenstein (Niederlande). Die zweite, farbigere Fassung von 1959 gehört dem Clemens-Sels-Museum in Neuss. Die dritte, 1997 hergestellte Fassung wurde in der katholischen Christkönig-Kirche von Penzberg eingebaut. Sie hat denselben Farbklang wie die ausgestellte vierte Fassung.

Literatur
Maria-Katharina Schulz: Glasmalerei der Klassischen Moderne in Deutschland. FFm etc. 1987, S. 129-130, Abb. 54;
Astrid Schunck, Stationen der Glasmalerei Heinrich Campendonks, in: Heinrich Campendonk, Die zweite Lebenshälfte eines Blauen Reiters; Ausst.-Kat. Museum Schloss Moyland, Bedburg-Hau/museum voor moderne kunst, amstelveen 2001/2, S. 100-128, Anm. S. 279-283, zum Passionsfenster S. 110, Farbabb. S. 23;
Freia Oliv: Fragile Aufbrüche. Campendonks Glasfenster zur Passion und zu Jesaja ; in: Heinrich Campendonk. Rausch und Reduktion ; Ausst.-Kat. Stadtmuseum Penzberg 2007, S. 137-155, bes. S. 144-147, farb. Abbn.

Der Text ist publiziert im Ausstellungskatalog
»Glasmalerei der Moderne – Faszination im Gegenlicht«
im Badischen Landesmuseum Karlsruhe
vom 9. Juli – 9. Oktober 2011, Kat. Nr. 24, S. 157

Mehr lesen

Print
Contact us
Biografie Heinrich Campendonk

Glasfenster, Kunstfenster, Künstlerfenster, Heinrich Campendonk, Glasmalerei