Neuerscheinung
Mylène Ruoss und Barbara Giesicke
Die Glasgemälde im Gotischen Haus zu Wörlitz
Im Auftrag der Kulturstiftung Dessau Wörlitz, des Schweizerischen Nationalmuseums und des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft herausgegeben von Rüdiger Becksmann, 2 Bde, Berlin 2012
Knapp 600 Seiten mit über 1.000 Abbildungen, davon 650 farbig, 2 Falttafeln, Leinen im Schmuckschuber
68 EUR (D) / 70 EUR (A) / 91 CHF (CH)
ISBN 978-3-87157-215-9

Auszüge aus unseren Ansprachen bei der Buchvernissage
am 9. Juni 2012 im Wörlitzer Park
Als das Vorhaben auf Initiative von Dr. Andres Furger, Sibyll Kummer-Rothenhäusler und Dr. Hartmut Ross vor 20 Jahren im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich auf den Weg gebracht wurde, ahnte niemand, dass es so lange dauern würde. Mit Wehmut denken wir an unsere ersten Besuche in Wörlitz nach der Wende zurück, als wir mit liebenswürdiger Gastfreundschaft von Dr. Reinhard Alex, seiner Frau Erdmute und Günter Mack empfangen wurden. Die Anforderungen, die das Berufs- und Privatleben mit sich bringen, liessen sich nach Auslauf der vierjährigen Projektfinanzierung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und den Schweizerischen Nationalfonds nicht immer mit einer so herausfordernden Aufgabe verknüpfen. Heute empfinden wir es als Glück, das Werk nicht zu einem früheren Zeitpunkt abgeschlossen zu haben, da die Forschung in den letzten Jahren, insbesondere auch durch das Erscheinen der vielen, grundlegenden Publikationen aus dem Bereich des Wörlitzer Gartenreichs und den Zugang zu den elektronischen Daten, einen unermesslichen Fundus an neuen Erkenntnissen geliefert hat. Ohne diese hätten wir die entscheidenden Spuren, die uns zur Aufdeckung spannender Zusammenhänge führten, wohl nie gefunden.
Dazu gehört vor allem, dass die Sammlungsgeschichte der Glasgemälde im Gotischen Haus eng mit den Reisen des Fürsten Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau nach England verbunden ist. Es sind die Reisetagebücher der Fürstin, von Franz von Waldersee oder des Architekten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff, die wir, sozusagen wie durch eine Glasmalerei-Brille gelesen haben.
Nicht nur die besondere Sammlungsgeschichte des Fürsten konnten wir nachverfolgen, sondern auch die Gelegenheit wahrnehmen, jede der 231 Scheiben über einen wissenschaftlichen Bestandskatalog hinaus aus den verschiedensten Blickwinkeln zu untersuchen. So handelt es sich nicht nur um aufmerksame Beschreibungen von Darstellung und Ikonographie, der Heraldik und Stifterbiographien, die Identifizierung von Glasmalerwerkstätten und graphischen Vorlagen, sondern vor allem auch um die Einbindung von kulturgeschichtlichen Hintergründen, von der Pflege verwandtschaftlicher, freundschaftlicher und politischer Beziehungen, welche alle zusammen die nachmittelalterliche Glasmalerei geprägt haben.
Eine besondere Entdeckung war die überragende Bedeutung der Georg-Scheibe im Arbeitszimmer des Fürsten als die wichtigste Glasmalerei der ganzen Sammlung, der Schlüssel zu den Bauerweiterungen im Gotischen Haus. Sie ist nicht nur eine Huldigung an England, wo der Heilige Georg als Schutzpatron des Vereinigten Königreichs noch heute verehrt wird, sondern auch eine Referenz an den berühmten Hosenbandorden, The Order of the Garter, den höchsten englischen Orden, wenn nicht weltweit. Durch die Reisenotizen Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorffs, die 1997 von Thomas Weiss herausgegeben wurden, fanden wir in der St. George’s Chapel in Windsor das Modell für Raum und Fenster des Rittersaals im Gotischen Haus, ebenso für die Struktur des nach dem Hosenbandorden geplanten, aber in dieser Form nie umgesetzten Fürstenbundes, als dessen Anführer Fürst Franz gilt.
In der englischen Georgs-Kapelle trafen sich damals und treffen sich noch heute jedes Jahr im Juni die Ordensritter unter dem königlichen Oberhaupt Großbritaniens und halten Kapitel. Das englische Wort »garter« bedeutet »Strumpfband« oder »Knieband« und wurde, wie der von der St. George’s Chapel stark beeindruckte Erdmannsdorff 1763 schrieb, »als Gleichnis für das Band der Freundschaft gewählt.« Die St. Georgs-Kapelle und der Hosenbandorden haben bei dem jungen Fürsten sicher einen unvergesslichen Eindruck hinterlassen.
Die Georg-Scheibe stellt aber auch innerhalb der Credo-Folge, aus der sie ursprünglich stammt, eine große Besonderheit dar, erzählt sie uns doch die unglaubliche Geschichte der Ulmerin Barbara Krafft, die aus einer einflussreichen Familie stammte, den Zürcher Georg Grebel heiratete und mit ihm gemeinsam in der Kirche Maur auf der Zürcher Landschaft als Stifterehepaar hervorgetreten ist. Deshalb haben wir uns oft die Frage gestellt, ob es die Wörlitzer Glasgemäldesammlung überhaupt gäbe, wenn der Zürcher Pfarrer Johann Caspar Lavater dem Fürsten nicht gleich zu Beginn die Georg-Scheibe angeboten hätte.
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